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Gestörtes Gedenken an die Pogromnacht

Am 9. November 1938 wurden überall in Deutschland Synagogen in Brand gesetzt und jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört. Tausende Deutsche jüdischen Glaubens wurden misshandelt, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet. Das geschah auch in Detmold.

Zum Gedenken gibt es Stolpersteine an den einstigen Wohnhäusern der jüdischen Mitbürger. Das Stadtgymnasium hat eine „Patenschaft“ für die Stolpersteine der Familie Herzberg übernommen. Anlässlich des Jahrestages der Pogromnacht war es uns ein besonderes Anliegen die Steine für ein würdiges Gedenken auf Hochglanz zu polieren. Damit wir den Hygienemaßnahmen gerecht werden konnten haben dieses Mal nur zwei unserer Schüler diese Aufgabe übernommen. Joanne Herzberg, die in Detmold lebende Hinterbliebene der Familie konnte sich über die gereinigten Steine jedoch nur kurze Zeit freuen. Nur einen Tag später wurden die Stolpersteine mutwillig mit Farbe beschmiert. Das geschah nun schon zum zweiten Mal binnen einer Woche und die Täter ließen zusätzlich Flyer mit rechtem Gedankengut zurück.

Als Schule gegen Rassismus und Schule mit Courage unterstützen wir Joanne Herzberg und werden alles dafür tun, damit die Steine am heutigen Gedenktag wieder glänzen, um der Familie Herzberg und allen anderen Opfern des Nationalsozialismus würdig gedenken zu können.

Wir lassen uns nicht beirren oder einschüchtern und stehen Seite an Seite mit jenen, die verfolgt wurden und bis heute werden.

Gedenken durch Nachdenken

Zwischen Messingpolitur und Lebensgeschichten

Detmold. Der 01. Oktober ist ein sonniger Herbsttag. In der Detmolder Innenstadt versammeln sich sechs Schülerinnen und Schüler der Schülervertretung des Stadtgymnasiums und eine Lehrerin, um die fünf in den Boden eingelassenen Messingplatten in der Fußgängerzone zu polieren. Einzelne Sonnenstrahlen spiegeln sich auf den staubigen Steinen. Schließlich werden ihnen Politur und kleine Stoffstücke in die Hand gedrückt und das Putzen geht los. Während auf dem Boden knieend und vollkommen vertieft die golden glänzenden Steine poliert werden, stößt schließlich auch Joanne Herzberg zur Gruppe dazu. Sie ist der „Anlass“ für dieses Treffen, denn auf den sogenannten „Stolpersteinen“ im Boden stehen die Namen ihrer Familie.

Joannes Erscheinen bleibt bei den Schüler:innen natürlich nicht lange unbemerkt und somit wird sich schnell fröhlich mit der US-Amerikanerin unterhalten. Joanne kam vor drei Jahren aus St Louis, Missouri nach Detmold, um den Spuren ihrer Familie auf den Grund zu gehen, wie sie nach dem Putzen der Steine beim gemeinsamen Mittagessen im Café um die Ecke erzählt. Im Laufe Treffens werden viele traurige, aber auch schöne und lustige Geschichten geteilt. Die Schüler:innen stellen Joanne Fragen vom aktuellen Wahlkampf in den USA bis hin zu ihrer Kindheit als „Deutsche“ in den USA in der Nachkriegszeit. Während Joanne davon erzählt, wie ihr Vater bis zum Ende nie hat über den Krieg reden können und dass sie sehr deutsch erzogen wurde (oft betont sie, wie viel Wert ihre Eltern auf anständige Tischmanieren und Höflichkeit gegenüber Erwachsenen in der Erziehung legten), hängen die Schüler:innen ihr gebannt an den Lippen. Auch als sie die Geschichte erzählt, wie ihre Urgroßmutter sich zusammen mit ihrer Familie 1942 auf dem Detmolder Marktplatz einfinden musste und dann nach Theresienstadt deportiert wurde, von wo sie nie wieder den Rückweg antrat, hören die Schüler:innen gebannt zu. Joannes Vater Fritz, der 1939 mit 17 Jahren durch einen Kindertransport Deutschland verlassen konnte, war der einzige der Familie, der den Holocaust überlebte. Gegen 16:00 Uhr neigt sich schließlich ein unfassbar aufschlussreicher Tag dem Ende zu. Es wurde viel gelacht, viel erzählt aber vor allem viel nachgedacht. Denn genau das sollte man tun. Immer und immer wieder. Damit so etwas wie damals nie wieder geschieht.

Johanna Schuster, Q2, Stadtgymnasium Detmold

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